Für das schlichte Wort Nein gibt es im Japanischen durchaus eine Entsprechung. Nur ist sie zu benutzen doch recht ungepflogen. Anstatt dessen gibt es eine große Anzahl diverser Ausweichmöglichkeiten; will man beispielsweise einen gemeinsamen Termin für ein Treffen finden und das Gegenüber möchte auf das vorgeschlagene Datum negativ reagieren, nutzt es häufig das Wort “chotto” — im Deutschen würde es in etwa einem “Hm, ich weiß nicht so recht” gleichkommen. Dabei wird dann das Gesicht angestrengt verzogen und der Kopf zur Unterstreichung des Gesagten im 30° Winkel zur Seite geneigt — hierbei spielt die Richtung keine Rolle. Diese Reaktion des japanischen Gegenübers ist eine eindeutige Ablehnung. Ein hilfloses Grinsen und die Neigung des Kopfes hat eine ähnliche Bedeutung; nicht selten wird noch ein “Ja…”, gefolgt von einem tiefen Einatmen oder Seufzen, eingeworfen. Wer jetzt noch nachfragt, ist ein Rüpel.
An diese Art zu Antworten habe ich mich schnell gewöhnt, allerdings fällt es meinem Goldfischhirn offenbar noch immer schwer, sich einzuprägen, dass es reine Zeitverschwendung ist, einen Angestellten in einem Kaufhaus nach einem Produkt zu fragen. In Deutschland bin ich es gewohnt, in Supermärkten und anderen Kaufhäusern nicht lange nach einem Produkt zu suchen, sondern am besten gleich jemanden zu fragen, der sich auskennt. Führt das Kaufhaus das Produkt, halte ich es innerhalb von 2 Minuten in den Händen. Wenn nicht, wird mir auch gleich gesagt, dass das Gewünschte nicht verfügbar ist. Nicht so in Japan. Nehmen wir einen großen Elektrowarenhändler als Beispiel. Das gesuchte Produkt sei ein Paar Kopfhörer. Ich mache mich zunächst wagemutig alleine auf die Suche nach den Kopfhörern und finde schließlich nach kurzer Zeit in einem Regal einen leeren Platz über dem Preisschild, welches beweist, dass dort zumindest einmal Kopfhörer gewesen sein müssen. Ich denke ahnungslos in deutscher Manier, es sei wohl das Beste, einen Angestellten zu fragen, ob es nicht noch Kopfhörer im Lager gebe. Ich mache mich also auf die Suche nach einem Angestellten und finde auch gleich einen jungen Mann, der gewissenhaft die zur Diebstahlsicherung verriegelten Schränke aufschließt, hineinsieht und wieder zuschließt. Als ich ihn anspreche, zuckt er erst einmal zusammen, weil er fürchtet, Englisch sprechen zu müssen — diesen hilflosen Blick in den Augen vermag ich mittlerweile gezielt zu deuten. Ich stelle meine Frage zu den Kopfhörern und folge daraufhin dem jungen Mann zum mir bereits bekannten Regal, wo er zunächst das ganz offensichtlich leere Regal genauestens inspiziert. Darauf folgt in der Regel ein “Bitte warten sie einen Moment”. Der Angestellte kann nun entweder alleine zurückkommen, gegebenenfalls mit einem Telefon in der Hand, woraufhin er ein Telefonat führt und sich dann dafür entschuldigt, dass das Produkt vergriffen ist. Dies kann unter Umständen schon gute zehn Minuten dauern. Oder aber er kommt mit einem weiteren Kollegen im Schlepptau zurück, dem ich wiederum meine Frage stelle und der schließlich auch noch einmal das leere Regal untersucht. Der Kollege verschwindet wieder, berät sich mit einem weiteren Kollegen an der Kasse, es kann durchaus sein, dass dazwischen auch noch ein Telefonat geführt wird, kehrt zu mir zurück und teilt mir entschuldigend mit, dass das Produkt momentan nicht zur Verfügung stehe. Dieser Vorgang kann schnell zwanzig Minuten in Anspruch nehmen. Wer eine Frage hat, muss Zeit mitbringen. Denn nicht nur ist der Kunde König in Japan; dem Kunden darf auch nicht gleich “Nein” gesagt werden.
Beim letzten Laufschuhkauf habe ich nach dreißig Minuten Wartezeit auf den Verkäufer zunächst meine restlichen Besorgungen erledigt und bin nach einer weiteren Stunde wieder zurück in das Geschäft, wo der Angestellte dann gleich nach Betreten des Sportaustatters mit einem Kollegen auf mich zugestürzt ist, um mir zu sagen, dass es die Schuhe nicht in meiner Größe gebe, was ich zuvor nach der Suche im Regal schon mit eigenen Augen festgestellt hatte. Auf meine Frage, ob man die Schuhe noch größer bestellen könne, tauschten die Angestellten irritierte Blicke aus — ein weiterer Angestellter wurde zu Rate gezogen. Am Ende des Tages hatte ich schließlich die Pause eines Bestellscheins in meiner Tasche, dessen Ausfüllen mit Rücksprache natürlich nicht in fünf Minuten bewerkstelligt war. 48 Stunden später wurde ich vom Sportausstatter angerufen, dass die Laufschuhe doch nicht zu bestellen seien. So kann es gehen.