Neulich in der Werbung

July 16th, 2007

Aus gutem Grund sehe ich in Japan so gut wie nie fern. Die Attraktivität diverser Spiel-, Koch- oder voyeuristischer Sendungen verliert sich erwartungsgemäß bereits nach der ersten Sichtung. Ab und zu schaue ich die Lokalnachrichten zum Frühstück, die mir dann gleich noch Mittels animerter Comic-T-Shirts sehr anschaulich die Prognosen für erfolgreiches Wäschewaschen und Trocknen im Laufe des Tages zutragen. Auch nach Tsunamiwarnungen lasse ich mein Fernsehgerät schon einmal ein paar Stunden laufen, um auf dem neuesten Wasser-Stand zu bleiben. So kommt es nun, dass ich vor kurzem bei einer der zahlreichen Werbeunterbrechungen, wohlgemerkt auch während der Nachrichten, in den Genuss des folgenden Augenschmauses kommen durfte: Autowerbung. Aus Deutschland bin ich es gewohnt, besonders leise Motoren oder ökologisch wertvolles Fahrverhalten zu bewundern. Auch kommt es vor, dass ein Augenmerk auf den geräumigen Kofferraum gelegt wird. Gänzlich neu war mir allerdings, was mir die Autowerbung jenes Abends bot: Drei schlanke japanische Damen in Twin-Sets sitzen auf einer Wiese und picknicken. Urplötzlich beginnt es zu regnen, die Enttäuschung steht der Picknick-Kombo ins Gesicht geschrieben. Eine der Damen hat auch ohne Nasereiben einen Wicki-Lichtblick, das Körbchen und die Taschen werden gepackt und der Weg zum Kleinwagen angetreten. Und siehe da! Wie geräumig der Innenraum des Wagens doch ist! Zwei Damen haben bequem auf der Rückbank Platz, ein Tischchen wird ausgeklappt, einer der Vordersitze verschoben, so dass auch mit der Dame auf dem Fahrersitz kommuniziert werden kann. Der Picknickkorb hat nebst Inhalt auf dem Tischchen Platz und es finden sich sogar noch Haken und Aufbewahrungsnischen für sämtliche Handtaschen, Plastiktüten und Strickjacken der drei Damen. Platzdeckchen werden ausgebreitet, Tee ausgeschenkt und gelächelt was das Zeug hält, als gäbe es kaum etwas besseres, als das nächste Kaffeekränzchen gleich in der Garage im Auto abzuhalten. Marke und Modell des Autos sind mir entfallen — ich gehöre offenbar nicht zur Zielgruppe.

Being gaijin

April 20th, 2007

Zunächst zum Begriff. Gaijin ist die Abkürzung des Wortes gaikokujin, Mensch aus dem Ausland, das abgekürzt den pejorativen Ausdruck “Außermensch” ergibt.

In Japan gibt es zwei Arten von gaijins: die, die auffallen und die, die nicht auffallen. Mein Kollege Eric, ein Kanadier chinesischer Herkunft, fällt nicht auf. Ich dagegen falle alleine durch meine Haarfarbe und meine Größe aus dem japanischen Rahmen und somit sofort auf. Wir beide haben kürzlich während eines Gesprächs festgestellt, dass wir mit unserem jeweiligen Status eher weniger zufrieden sind. Wohin Eric auch geht, er wird für einen Japaner gehalten und entsprechend behandelt und angesprochen, was für ihn weniger lustig ist, da er des Japanischen lediglich in Ansätzen mächtig ist und folglich nur zeitverzögert oder gar nicht auf Fragen reagieren kann, was jedes Mal ungläubige oder gar mitleidige Blicke in den Gesichtern seiner japanischen Gegenüber hervorruft — er wird schlichtweg für geistesschwach oder debil erklärt und muss sich stets aufs Neue rechtfertigen.

Mein Alltag gestaltet sich anders; wohin ich auch gehe, werde ich angestarrt. Selbst im Supermarkt um die Ecke, in den ich bestimmt viermal die Woche gehe, bin ich nach wie vor neben den aktuellen Sonderangeboten die Attraktion im Laden. Immerhin wissen die Angestellten dort aber mittlerweile, dass ich Japanisch spreche, ganz im Gegensatz zu anderen Läden, Restaurants etc.. Dort wird mir, sofern es eine gibt, erst einmal die englische Speisekarte in die Hand gedrückt. Und wenn ich einen Passanten oder in einem Kombini nach dem Weg frage, zuckt der eine oder andere auch schon einmal zusammen, fuchtelt wild verneinend mit den Händen und nimmt Reißaus. Selbst wenn ich meine Frage durchaus verständlich und grammatikalisch einwandfrei auf Japanisch formuliert habe, fragt mein Gegenüber, während dessen Antwort, sicherlich zehn- bis zwanzigmal nach, ob ich die jeweiligen Vokabeln auch richtig verstanden habe.

Wenn ich joggen gehe, ist das nicht nur Training für meine Beine sondern ebenso für die Arme und besonders für die Gesichtsmuskulatur, da ich beim Laufen auch gleichzeitig lächeln und winken muss. Es ist auch schon vorgekommen, dass eine gesamte Schulklasse meine im Schneckentempo zurückgelegten Runden im Sportpark mit nicht enden wollenden La-Ola-Wellen gewürdigt hat. Soviel zum meditativen Aspekt des Laufsports.

Sind Eric und ich gemeinsam unterwegs, ergeben sich meist seltsame Gesprächsituation, bei denen ich niemals Blickkontakt mit meinem japanischen Gesprächspartner bekomme, da dieser auf meine Frage antwortend auf Eric einredet und ich wiederum an Stelle Erics auf das Gesagte reagiere. Und Eric steht oder sitzt mittendrin und blickt drein, wie ein Ochse, den man soeben auf ein Fahrrad gesetzt hat.
Insgesamt empfinden Eric und ich unser japanisches Landleben dann doch als eher anstrengend und reagieren entsprechend darauf: Eric hat sich einen Kanada-Aufnäher an seinen Rucksack geheftet und trägt nun auch öfter seine Kanada-T-Shirts. Ich verstecke mich derweil hinter Sonnenbrillen und diversen Kopfbedeckungen.

Fundstück

April 15th, 2007

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Japanische Traditionen von der japanischen Comedy-Gruppe “Rahmens” erklärt.

Das Video erinnert mich daran, dass ich von neuen Bekannten vor dem Essen stets gefragt werde, ob ich denn auch mit Stäbchen essen könne. Ich gebe mir größte Mühe bei dieser Frage nicht genervt zu gucken und denke an Marianne Sägebrecht in Out of Rosenheims Zaubertricks: “It’s magic”.

Das Wörtchen Nein.

April 6th, 2007

Für das schlichte Wort Nein gibt es im Japanischen durchaus eine Entsprechung. Nur ist sie zu benutzen doch recht ungepflogen. Anstatt dessen gibt es eine große Anzahl diverser Ausweichmöglichkeiten; will man beispielsweise einen gemeinsamen Termin für ein Treffen finden und das Gegenüber möchte auf das vorgeschlagene Datum negativ reagieren, nutzt es häufig das Wort “chotto” — im Deutschen würde es in etwa einem “Hm, ich weiß nicht so recht” gleichkommen. Dabei wird dann das Gesicht angestrengt verzogen und der Kopf zur Unterstreichung des Gesagten im 30° Winkel zur Seite geneigt — hierbei spielt die Richtung keine Rolle. Diese Reaktion des japanischen Gegenübers ist eine eindeutige Ablehnung. Ein hilfloses Grinsen und die Neigung des Kopfes hat eine ähnliche Bedeutung; nicht selten wird noch ein “Ja…”, gefolgt von einem tiefen Einatmen oder Seufzen, eingeworfen. Wer jetzt noch nachfragt, ist ein Rüpel.

An diese Art zu Antworten habe ich mich schnell gewöhnt, allerdings fällt es meinem Goldfischhirn offenbar noch immer schwer, sich einzuprägen, dass es reine Zeitverschwendung ist, einen Angestellten in einem Kaufhaus nach einem Produkt zu fragen. In Deutschland bin ich es gewohnt, in Supermärkten und anderen Kaufhäusern nicht lange nach einem Produkt zu suchen, sondern am besten gleich jemanden zu fragen, der sich auskennt. Führt das Kaufhaus das Produkt, halte ich es innerhalb von 2 Minuten in den Händen. Wenn nicht, wird mir auch gleich gesagt, dass das Gewünschte nicht verfügbar ist. Nicht so in Japan. Nehmen wir einen großen Elektrowarenhändler als Beispiel. Das gesuchte Produkt sei ein Paar Kopfhörer. Ich mache mich zunächst wagemutig alleine auf die Suche nach den Kopfhörern und finde schließlich nach kurzer Zeit in einem Regal einen leeren Platz über dem Preisschild, welches beweist, dass dort zumindest einmal Kopfhörer gewesen sein müssen. Ich denke ahnungslos in deutscher Manier, es sei wohl das Beste, einen Angestellten zu fragen, ob es nicht noch Kopfhörer im Lager gebe. Ich mache mich also auf die Suche nach einem Angestellten und finde auch gleich einen jungen Mann, der gewissenhaft die zur Diebstahlsicherung verriegelten Schränke aufschließt, hineinsieht und wieder zuschließt. Als ich ihn anspreche, zuckt er erst einmal zusammen, weil er fürchtet, Englisch sprechen zu müssen — diesen hilflosen Blick in den Augen vermag ich mittlerweile gezielt zu deuten. Ich stelle meine Frage zu den Kopfhörern und folge daraufhin dem jungen Mann zum mir bereits bekannten Regal, wo er zunächst das ganz offensichtlich leere Regal genauestens inspiziert. Darauf folgt in der Regel ein “Bitte warten sie einen Moment”. Der Angestellte kann nun entweder alleine zurückkommen, gegebenenfalls mit einem Telefon in der Hand, woraufhin er ein Telefonat führt und sich dann dafür entschuldigt, dass das Produkt vergriffen ist. Dies kann unter Umständen schon gute zehn Minuten dauern. Oder aber er kommt mit einem weiteren Kollegen im Schlepptau zurück, dem ich wiederum meine Frage stelle und der schließlich auch noch einmal das leere Regal untersucht. Der Kollege verschwindet wieder, berät sich mit einem weiteren Kollegen an der Kasse, es kann durchaus sein, dass dazwischen auch noch ein Telefonat geführt wird, kehrt zu mir zurück und teilt mir entschuldigend mit, dass das Produkt momentan nicht zur Verfügung stehe. Dieser Vorgang kann schnell zwanzig Minuten in Anspruch nehmen. Wer eine Frage hat, muss Zeit mitbringen. Denn nicht nur ist der Kunde König in Japan; dem Kunden darf auch nicht gleich “Nein” gesagt werden.

Beim letzten Laufschuhkauf habe ich nach dreißig Minuten Wartezeit auf den Verkäufer zunächst meine restlichen Besorgungen erledigt und bin nach einer weiteren Stunde wieder zurück in das Geschäft, wo der Angestellte dann gleich nach Betreten des Sportaustatters mit einem Kollegen auf mich zugestürzt ist, um mir zu sagen, dass es die Schuhe nicht in meiner Größe gebe, was ich zuvor nach der Suche im Regal schon mit eigenen Augen festgestellt hatte. Auf meine Frage, ob man die Schuhe noch größer bestellen könne, tauschten die Angestellten irritierte Blicke aus — ein weiterer Angestellter wurde zu Rate gezogen. Am Ende des Tages hatte ich schließlich die Pause eines Bestellscheins in meiner Tasche, dessen Ausfüllen mit Rücksprache natürlich nicht in fünf Minuten bewerkstelligt war. 48 Stunden später wurde ich vom Sportausstatter angerufen, dass die Laufschuhe doch nicht zu bestellen seien. So kann es gehen.

Der Alphabet-Knopf

March 9th, 2007

Das vergangene Wochenende habe ich mit einigen Freundinnen in der nächstgrößeren Stadt verbracht. Bevor unser Frauenabend mit einem opulenten, ausnahmsweise einmal spanischen Mahl beginnen sollte, fuhren wir gemeinsam in ein Onsen. Wie so oft wurde ich — als einzige Kaukasierin im Bad — neugierig beäugt, woran ich mich allerdings schon gewöhnt habe. Für den Fall, dass mich mein Gegenüber allzu unverfroren anstarrt, habe ich mir mittlerweile angewöhnt, einfach zurück zu starren. Natürlich kann ich die allgemeine Neugier durchaus nachvollziehen; ich kann die Fragen, die sich die japanischen Damen stellen, nahezu von ihren Stirnen ablesen. In etwa: “Mal sehen, ob sich die Ausländerin auch die Füße wäscht” oder “Ob sie sich das Gesicht wohl anders eincremt?” Bei meiner Fönperformance nach dem Baden habe ich mir besonders große Mühe gegeben, ich weiß inzwischen auch zu unterhalten.

Etwas anderes ist mir beim letzten Onsenbesuch aufgefallen. Bisher habe ich schon desöfteren bemerkt, dass japanische Kinder sowohl im Supermarkt als auch auf der Straße gerne den Alphabet-Song singen. Am vergangenen Samstag wurde mir auf einmal bewusst, dass diese Vorliebe mit mir zu tun haben muss: Eines der badenden Kinder sah mich erschreckt an und begann aus heiterem Himmel, eben genannten Titel zu singen.

Nach kurzem Reflektieren war mir klar: Dieses Verhalten habe ich dem JET-Programm zu verdanken. Mein Kollege Eric beispielsweise arbeitet als sogenannter One-shot-ALT. Er ist der Englischlehrer von sage und schreibe zehn Schulen. Dass sich auf diese Weise keine wöchentlichen oder gar täglichen Unterrichtsstunden planen lassen, versteht sich von selbst. So kommt es, dass er die eine oder andere Schule nur einmal im Monat besuchen kann; seine Aufgabe besteht neben anderen vor allem darin, den Schülern die richtige Aussprache von englischen Wörtern näher zu bringen. In den Klassen der Grundschulen singt er daher, mangels größerer Vokabelkenntnisse der jüngeren Kinder und natürlich auch zur Wiederholung des zuletzt Gelernten, häufig den Alphabet-Song. Das JET-Programm ist recht groß und US-amerikanische One-shot-ALTs auf dem Land dementsprechend oft anzutreffen. Der einzige Ausländer, den die Kinder folglich alle paar Wochen zu Gesicht bekommen, singt bei jedem Besuch das Alphabet-Lied — dies brennt sich in den Kinderhirnen ein. Sehen die Kinder nun das nächste Mal einen Ausländer — alle Ausländer sind natürlich Amerikaner — betätigt die Sichtung dieser offenbar irgendeinen Schalter für englische Konversation im Kinderhirn. Und da noch nicht viel Konversationsmaterial vorhanden ist, wird eben der Alphabet-Song abgespielt.

In solchen Momenten versuche ich zur Internationalisierung beizutragen, lächle verkrampft und winke. Vermutlich brennt sich auch das den Kindergedächtnissen ein.

Abkürzungen

February 13th, 2007

Neben dem Essen haben Japaner noch eine weitere Leidenschaft — eine linguistische. Für alle erdenklichen Begriffe gibt es kreative Abkürzungen, selbst dann, wenn das Wort ohnehin schon kurz ist. Die auch im Ausland wohl bekannteste Abkürzung ist die der Japanischen Staatlichen Universität Tokyo Daigaku, welche sich im Volksmund schlicht Todai nennt. Ebenso haben wir alle schon von den pokémon — pocket monstern — gehört. Wer sich zudem für Manga interessiert, ist mit dem Begriff kosupuré (sprich: kospree), also “costume play” vertraut: So wird das Verkleiden der Jugendlichen in Harajuku in Tokyo bezeichnet, die alle aussehen wie Beetlejuice persönlich. Der Personal Computer heißt in Japan pasocon, den Convenience Store, kombini, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Birkenstock-Latschen nennen sich ganz schlicht Birken, es weiß ja hier niemand, dass man keine Bäume an den Füßen tragen kann, die hierzulande beliebte Designmarke Louis Vuitton ist für Japaner unaussprechlich und wurde kurzerhand bitton getauft. Wenn von Brappi gesprochen wird, weiß jedes Kind, dass Brad Pitt gemeint ist, und auch snobo, Snowboard, fahren viele. Für “bei Mc Donald’s essen” hat sich ein an die Japanische Grammtik angepasster Begriff, ein Verb, eingebürgert, das makudoru lautet. Man stelle sich vor, man ginge in Deutschland dönern, wobei das Verb auch andere Assoziationen hervorruft, oder falaffeln. Diese Abkürzungen erscheinen mir alle sinnvoll und originell; mit der folgenden kann ich mich allerdings nicht so recht anfreunden: Die Jeans wird in Japan jinpan (sprich: dschinpan) genannt. Da hat sich doch die Anzahl der Silben gleich verdoppelt!

Blümlein: zugedeckt

January 19th, 2007

Nachdem der Winter nach dem ersten Schnee im November auf sich hat warten lassen, bin ich gestern Abend in meinen ersten waschechten Schneesturm geraten. Nach dem Sport in unserer örtlichen Turnhalle, unserem “Gym”, mache ich mich in meinem Wagen auf den Weg zum Onsen, wo ich mit einer Freundin zum Dümpeln im heißen Wasser verabredet bin. Als ich mein Auto starte, beginnt es zu blitzen, nur etwa drei Minuten später finde ich mich in einem Wirbel aus dicken Schneeflocken wieder. Nichts Böses ahnend führe ich meinen Weg zum Onsen mit entsprechend gedrosselter Geschwindigkeit fort — ich kenne den Weg; im Prinzip muss ich nur ein paar Kilometer geradeaus fahren und beim orangefarbenen Onsen-Schild abbiegen. Nach rund acht Kilometern werde ich skeptisch: Weit und breit ist kein Onsen-Schild in Sicht und die Straße, auf der ich mich befinde, erscheint mir unbekannt, was aber nichts heißen muss, da ich ohnehin nichts mehr sehen kann. Ich beschließe trotzdem, zu wenden und zur nächsten größeren Kreuzung zurück zu fahren. Die Straßenschilder sind nunmehr dicke weiße, zweibeinige Monster, die keinerlei Informationen mehr hergeben. In der Nähe erkenne ich unseren Convenience Store ohne Namen und steuere darauf zu, um mich, dort angekommen, auf dem Parkplatz zu orientieren. Ich kann mich immerhin vage an den Heimweg erinnern, weshalb ich meinen Plan, zum Onsen zu fahren, mangels Kenntnis des Wegs dorthin und allmählich schwindender Badezeit kurzerhand aufgebe. Mittlerweile habe ich kein Mobilfunknetz mehr, aber immerhin einen halb gefüllten Tank. Auf den nun folgenden zehn Kilometern Rückweg versuche ich hauptsächlich, auf der Fahrbahn zu bleiben, was sich diffiziler gestaltet, als es zunächst klingt, und zwar aus folgenden Gründen:

1) eine zweispurige Straße (eine Spur pro Fahrtrichtung) in Tôhoku entspricht in etwa der Breite einer Deutschen Einbahnstraße
2) es gibt keine Straßenbeleuchtung
3) bei 10 cm Neuschnee pro Sekunde gibt es keine sichtbaren Spurrillen
4) außer einer weißen Schneewand kann ich nichts mehr sehen, ich könnte genauso gut einfach mit geschlossenen Augen weiter fahren.

Ich taste mich im Schneckentempo Meter für Meter vorwärts und versuche vor allem auch, nicht in die sich neben der Fahrbahn befindenden 30 cm breiten und 50 cm tiefen Gräben zu geraten, deren Funktion sich niemandem so recht erschließt und die wir aus diesem Grund “gaijin traps” nennen, zu Deutsch “Ausländerfallen”.

Das wohlige Gefühl der Erleichterung macht sich breit, als ich mich gute 30 Minuten später meinem Wohnhaus nähere. Auf dem Parkplatz treffe ich meine Freundin, die mindestens genauso erschreckt aussieht wie ich mich fühle.

Ein Gutes hat der Schnee aber doch: Ab heute geht es auf die Piste!

Es gibt kein Entrinnen

December 23rd, 2006

Weihnachten in Japan ist ganz besonderer Art: Es gibt keinerlei weihnachtliche Tradition, da der Anteil der christlichen Japaner äußerst gering ausfällt. Trotzdem ist Weihnachten populär. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Weihnachten zumeist mit der Familie gefeiert wird, ist Weihnachten in Japan ein Fest für Pärchen. Ähnlich dem Valentinstag gehen Verliebte essen, machen sich Geschenke und feiern sich selbst.

Noch etwas ist anders in Japan: An jeder Ecke kann man Weihnachtstorten käuflich erwerben und auch schon Wochen im Voraus vorbestellen. Während ich diesen Text schreibe, läuft im Fernsehen eine Sondersendung zu Weihnachtstorten mit Weihnachtstortenranking. Die Torten sind meist schneeweiße Sahnetorten mit weihnachtlicher Dekoration; woher diese sogenannte Tradition kommt, weiß allerdings keiner so recht zu beantworten. Genauso wenig konnte mir beantwortet werden, weshalb die Japaner zu Weihnachten Beethovens 9. singen. In den Augen der Japaner sitzen wir also in Deutschland unterm Tannenbaum, essen Sahnetorten mit Schokoladenrentieren und grölen “Freude schöner Götterfunken…”.

Das alles wäre noch zu ertragen. Aber als die Weihnachtssaison Anfang November begann, traute ich meinen Ohren nicht: Drei Mal dürft Ihr raten, welches Weihnachtslied hier populär ist und nicht nur rund um die Uhr im Radio, in sämtlichen Einkaufszentren und Supermärkten gespielt wird sondern von welchem es mittlerweile auch noch etliche Coverversionen mit Japanischem Akzent auf Englisch nachgesungen gibt. Ich dachte, ich würde dieses Jahr von Wham! verschont bleiben; weit gefehlt. Das Haarspray getunte “Last Christmas” ist in Japan fast noch beliebter als in Deutschland.

Frohes Fest Euch allen!

Der Helm

December 14th, 2006

Der Japaner an sich ist vorsichtig. Eines der Wörter, die man täglich mehrfach hört, ist das Wort “abunai”, also “gefährlich”. In Japan ist sehr viel gefährlich: Rolltreppen, Heizungen, der Gang zum Supermarkt, ein Spaziergang am Meer, Wintersport im Allgemeinen und vor allen Dingen auch das Autofahren. Dass die Straßen in Japan bei Eisglätte trotzdem nicht gestreut werden, da das Streugut den fahrbaren Untersatz angreifen könnte, sei hier nur am Rande bemerkt.

Dementsprechend ist der Helm in Japan ein unerlässliches Accessoire. Jedes arbeitende Mitglied der Gesellschaft hat mit Sicherheit mindestens einmal einen Helm aufgesetzt. Wohin man auch sieht, Helme werden überall getragen, zu allen Gelegenheiten. Bereits vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass unter anderem Polizisten und Sanitäter ebenfalls Helme tragen, und zwar im Auto. Während also ein Polizei- oder Krankenwagen mit Blaulicht und Sirenen und rasanten 15 km/h an einem vorbei saust, kann man in aller Ruhe die Insassen und deren Kopfbedeckung bewundern. Besonders wichtig ist natürlich, dass der Helm mit einem Kinngurt am Kopf fixiert wird. Für den Fall, dass man sich verbeugt, und das geschieht schließlich hundertfach an einem Tag, muss der Helm sitzen. Die Helmträger sehen dabei so niedlich in ihren Wagen aus, dass man meinen könnte, man sei plötzlich geschrumpft und finde sich in einer Playmobil- oder Legowelt wieder. Ob die Frisur darunter wohl auch in Playmobilmanier halbiert ist?

Selbst die Polizisten und Straßenarbeiter auf Schildern tragen Helme in Japan. Ich glaube, ich werde demnächst einige Statistiken zu Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen in Japan studieren; vielleicht fallen diese ja im internationalen Vergleich entsprechend gering aus. Und ich persönlich habe mir schon diverse Male beim Ein- und Aussteigen den Kopf am (Japanischen) Autodach und am Türrahmen gestoßen — ich sollte mir einen Helm zulegen. Dann fürchte ich auch den täglichen Eiertanz auf dem Glatteis von meinem Haus zum Auto und vom Parkplatz zum Bürogebäude nicht mehr so sehr. Helme gibt es sicherlich passend zu meinen Gummistiefeln in Rot.

Es hat begonnen…

December 3rd, 2006

Bevor ich im August nach Aomori-ken gezogen bin, habe ich schon viel über die harten Winter in der Region gehört. Und bereits im August haben meine Kollegen und Vorgesetzten mich vor Autofahrten im Schnee gewarnt.

Einige Dinge habe ich heute morgen, nachdem es die ganze Nacht über geschneit hat, gelernt: Kerosinofen an, Zimmer warm — Kerosinofen aus, Zimmer kalt. An eine geheizte Wohnung kann ich schon nicht einmal mehr denken, das ist ein schier unmögliches Unterfangen. Wer auftauen will, muss sich von Dezember bis schätzungsweise April auf ein Zimmer beschränken. Und sich mit jeder Menge warmer Anziehsachen für Daheim ausstatten. Heute habe ich mir ein paar rongu naga bûtsu, sprich Gummistiefel, zugelegt. Was ich bisher zugegebenermaßen lächerlich fand, ist hier ein echtes Muss. Wer keine Gummistiefel tragen will, hat eben nasse Füße, was ich am frühen Morgen nach rund 30 Minuten Schneeschaufeln auf dem und um das Auto herum am eigenen Leib bzw. an den Füßen erfahren durfte. Ab morgen erscheine ich also im Kostüm und mit roten Gummistiefeln im Büro — soll mir Recht sein, den Style habe ich mir von den Einheimischen abgeguckt. Weitere Novitäten erwarten mich ab morgen: Wasserrohre vollständig entleeren lernen (in einem Haus ohne jegliche Isolation frieren auch die Rohre IN der Wohnung ein, während man beispielsweise schläft oder ein paar Stunden im Büro verbringt) und einen Schneeschaufelplan mit den Nachbarn erarbeiten.
Auch das Wäschewaschen wird sich von nun an kreativer gestalten, wobei ich mit dem Gefriertrocknen von Bettwäsche und Handtüchern auf dem Balkon bereits gute Erfahrungen gemacht habe: 24 Stunden warten, Schnee abklopfen — Wäsche trocken. Wäscheständer, wie wir sie aus der Heimat kennen, gibt es in Japan nämlich nicht.

Morgen werde ich nach der Arbeit in das nächste Einkaufszentrum eilen und mich mit wärmenden Accessoires eindecken; ich liebäugele nun auch mit einer beheizbaren Klobrille…