Archive for the 'japan' Category

Being gaijin

Friday, April 20th, 2007

Zunächst zum Begriff. Gaijin ist die Abkürzung des Wortes gaikokujin, Mensch aus dem Ausland, das abgekürzt den pejorativen Ausdruck “Außermensch” ergibt.

In Japan gibt es zwei Arten von gaijins: die, die auffallen und die, die nicht auffallen. Mein Kollege Eric, ein Kanadier chinesischer Herkunft, fällt nicht auf. Ich dagegen falle alleine durch meine Haarfarbe und meine Größe aus dem japanischen Rahmen und somit sofort auf. Wir beide haben kürzlich während eines Gesprächs festgestellt, dass wir mit unserem jeweiligen Status eher weniger zufrieden sind. Wohin Eric auch geht, er wird für einen Japaner gehalten und entsprechend behandelt und angesprochen, was für ihn weniger lustig ist, da er des Japanischen lediglich in Ansätzen mächtig ist und folglich nur zeitverzögert oder gar nicht auf Fragen reagieren kann, was jedes Mal ungläubige oder gar mitleidige Blicke in den Gesichtern seiner japanischen Gegenüber hervorruft — er wird schlichtweg für geistesschwach oder debil erklärt und muss sich stets aufs Neue rechtfertigen.

Mein Alltag gestaltet sich anders; wohin ich auch gehe, werde ich angestarrt. Selbst im Supermarkt um die Ecke, in den ich bestimmt viermal die Woche gehe, bin ich nach wie vor neben den aktuellen Sonderangeboten die Attraktion im Laden. Immerhin wissen die Angestellten dort aber mittlerweile, dass ich Japanisch spreche, ganz im Gegensatz zu anderen Läden, Restaurants etc.. Dort wird mir, sofern es eine gibt, erst einmal die englische Speisekarte in die Hand gedrückt. Und wenn ich einen Passanten oder in einem Kombini nach dem Weg frage, zuckt der eine oder andere auch schon einmal zusammen, fuchtelt wild verneinend mit den Händen und nimmt Reißaus. Selbst wenn ich meine Frage durchaus verständlich und grammatikalisch einwandfrei auf Japanisch formuliert habe, fragt mein Gegenüber, während dessen Antwort, sicherlich zehn- bis zwanzigmal nach, ob ich die jeweiligen Vokabeln auch richtig verstanden habe.

Wenn ich joggen gehe, ist das nicht nur Training für meine Beine sondern ebenso für die Arme und besonders für die Gesichtsmuskulatur, da ich beim Laufen auch gleichzeitig lächeln und winken muss. Es ist auch schon vorgekommen, dass eine gesamte Schulklasse meine im Schneckentempo zurückgelegten Runden im Sportpark mit nicht enden wollenden La-Ola-Wellen gewürdigt hat. Soviel zum meditativen Aspekt des Laufsports.

Sind Eric und ich gemeinsam unterwegs, ergeben sich meist seltsame Gesprächsituation, bei denen ich niemals Blickkontakt mit meinem japanischen Gesprächspartner bekomme, da dieser auf meine Frage antwortend auf Eric einredet und ich wiederum an Stelle Erics auf das Gesagte reagiere. Und Eric steht oder sitzt mittendrin und blickt drein, wie ein Ochse, den man soeben auf ein Fahrrad gesetzt hat.
Insgesamt empfinden Eric und ich unser japanisches Landleben dann doch als eher anstrengend und reagieren entsprechend darauf: Eric hat sich einen Kanada-Aufnäher an seinen Rucksack geheftet und trägt nun auch öfter seine Kanada-T-Shirts. Ich verstecke mich derweil hinter Sonnenbrillen und diversen Kopfbedeckungen.

Fundstück

Sunday, April 15th, 2007

[youtube dKqlUJ_-asg]

Japanische Traditionen von der japanischen Comedy-Gruppe “Rahmens” erklärt.

Das Video erinnert mich daran, dass ich von neuen Bekannten vor dem Essen stets gefragt werde, ob ich denn auch mit Stäbchen essen könne. Ich gebe mir größte Mühe bei dieser Frage nicht genervt zu gucken und denke an Marianne Sägebrecht in Out of Rosenheims Zaubertricks: “It’s magic”.

Abkürzungen

Tuesday, February 13th, 2007

Neben dem Essen haben Japaner noch eine weitere Leidenschaft — eine linguistische. Für alle erdenklichen Begriffe gibt es kreative Abkürzungen, selbst dann, wenn das Wort ohnehin schon kurz ist. Die auch im Ausland wohl bekannteste Abkürzung ist die der Japanischen Staatlichen Universität Tokyo Daigaku, welche sich im Volksmund schlicht Todai nennt. Ebenso haben wir alle schon von den pokémon — pocket monstern — gehört. Wer sich zudem für Manga interessiert, ist mit dem Begriff kosupuré (sprich: kospree), also “costume play” vertraut: So wird das Verkleiden der Jugendlichen in Harajuku in Tokyo bezeichnet, die alle aussehen wie Beetlejuice persönlich. Der Personal Computer heißt in Japan pasocon, den Convenience Store, kombini, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Birkenstock-Latschen nennen sich ganz schlicht Birken, es weiß ja hier niemand, dass man keine Bäume an den Füßen tragen kann, die hierzulande beliebte Designmarke Louis Vuitton ist für Japaner unaussprechlich und wurde kurzerhand bitton getauft. Wenn von Brappi gesprochen wird, weiß jedes Kind, dass Brad Pitt gemeint ist, und auch snobo, Snowboard, fahren viele. Für “bei Mc Donald’s essen” hat sich ein an die Japanische Grammtik angepasster Begriff, ein Verb, eingebürgert, das makudoru lautet. Man stelle sich vor, man ginge in Deutschland dönern, wobei das Verb auch andere Assoziationen hervorruft, oder falaffeln. Diese Abkürzungen erscheinen mir alle sinnvoll und originell; mit der folgenden kann ich mich allerdings nicht so recht anfreunden: Die Jeans wird in Japan jinpan (sprich: dschinpan) genannt. Da hat sich doch die Anzahl der Silben gleich verdoppelt!

Der Helm

Thursday, December 14th, 2006

Der Japaner an sich ist vorsichtig. Eines der Wörter, die man täglich mehrfach hört, ist das Wort “abunai”, also “gefährlich”. In Japan ist sehr viel gefährlich: Rolltreppen, Heizungen, der Gang zum Supermarkt, ein Spaziergang am Meer, Wintersport im Allgemeinen und vor allen Dingen auch das Autofahren. Dass die Straßen in Japan bei Eisglätte trotzdem nicht gestreut werden, da das Streugut den fahrbaren Untersatz angreifen könnte, sei hier nur am Rande bemerkt.

Dementsprechend ist der Helm in Japan ein unerlässliches Accessoire. Jedes arbeitende Mitglied der Gesellschaft hat mit Sicherheit mindestens einmal einen Helm aufgesetzt. Wohin man auch sieht, Helme werden überall getragen, zu allen Gelegenheiten. Bereits vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass unter anderem Polizisten und Sanitäter ebenfalls Helme tragen, und zwar im Auto. Während also ein Polizei- oder Krankenwagen mit Blaulicht und Sirenen und rasanten 15 km/h an einem vorbei saust, kann man in aller Ruhe die Insassen und deren Kopfbedeckung bewundern. Besonders wichtig ist natürlich, dass der Helm mit einem Kinngurt am Kopf fixiert wird. Für den Fall, dass man sich verbeugt, und das geschieht schließlich hundertfach an einem Tag, muss der Helm sitzen. Die Helmträger sehen dabei so niedlich in ihren Wagen aus, dass man meinen könnte, man sei plötzlich geschrumpft und finde sich in einer Playmobil- oder Legowelt wieder. Ob die Frisur darunter wohl auch in Playmobilmanier halbiert ist?

Selbst die Polizisten und Straßenarbeiter auf Schildern tragen Helme in Japan. Ich glaube, ich werde demnächst einige Statistiken zu Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen in Japan studieren; vielleicht fallen diese ja im internationalen Vergleich entsprechend gering aus. Und ich persönlich habe mir schon diverse Male beim Ein- und Aussteigen den Kopf am (Japanischen) Autodach und am Türrahmen gestoßen — ich sollte mir einen Helm zulegen. Dann fürchte ich auch den täglichen Eiertanz auf dem Glatteis von meinem Haus zum Auto und vom Parkplatz zum Bürogebäude nicht mehr so sehr. Helme gibt es sicherlich passend zu meinen Gummistiefeln in Rot.

Was Japanische Schueler interessiert

Monday, October 23rd, 2006

Waehrend der ersten Schulbesuche und nachdem Eric und ich uns und unsere Laender kurz vorgestellt haben, hatten die Schueler jeweils die Gelegenheit, uns zu allen moeglichen Themen Fragen zu stellen. Hier die TOP 5 der am haeufigsten gestellten Fragen:
1. Was ist Dein Lieblingsessen?

2. Wie alt bist Du?

3. Wie gross bist Du?

4. Was hat Dich am meisten verwundert, als Du nach Japan gekommen bist?

5. Welche Blutgruppe hast Du?

Auf gerne gefragt wird:
Wie schwer bist Du? Seid Ihr (Eric und ich) ein Paar? Hast Du einen Freund/eine Freundin? Hast Du schon hougen (den lokalen Dialekt) gelernt? Letztere Frage ist in etwa so beliebt wie die Frage danach, ob man gerne Nattou esse. Schmunzeln muss ich auch heute noch, wenn ich daran denke, dass ein Schueler gerne wissen wollte, welches eingelegte Gemuese (Tsukemono) ich am liebsten moege. Japaner lieben Tsukemono, sie werden zu beinahe jedem Gericht gereicht. Besonders beliebt ist Umeboshi, eine sauer eingelegte Pflaume, aber auch salzig eingelegte Salatgurke wird gerne gegessen.
Es hat auch richtig schoene Frage gegeben, z. B., ob denn alle Kanadier aussehen wie Japaner (Eric ist “CBC”, Chinese Born Canadian und wird oft fuer einen Japaner gehalten), und wie sich die Menschen, die aus den unterschiedlichsten Laendern nach Kanada immigrieren, ueberhaupt verstaendigen koennen. Meine Antwort auf die Frage, welche Sorten Reis in Deutschland angebaut werden, naemlich gar keine, loeste mitunter unglaeubige Ausrufe der Verwunderung aus.

Ich will doch nur spielen

Thursday, September 21st, 2006

In Japan verwendet man fuer viele Situationen bestimmte Ausdruecke, die sich nur schwer uebersetzen lassen und die sich eher schlecht in den Deutschen Sprachgebrauch uebernehmen liessen. So sagt man, wenn man ein Buero oder aehnliches betritt, nicht wie in Deutschland “Guten Tag” sondern “shitsureishimasu”, was soviel bedeutet wie “Ich bereite Ihnen Unbehagen” oder ganz einfach “Verzeihen Sie bitte”; letzteres allerdings nur in dem oben genannten Zusammenhang. Verlaesst man den Raum wieder, verwendet man die Vergangenheitsform der Phrase.

Begibt man sich nach Feierabend auf den Heimweg, sagt man nicht “Auf Wiedersehen” oder “Bis Morgen” sondern bedankt sich in erster Linie fuer die getane Arbeit der Kollegen. Verlaesst man als erster das Buero, entschuldigt man sich fuer diese Unverschaemtheit mit den Worten “osaki ni shitsureishimasu”, in etwa “Verzeihen Sie bitte, dass ich vor Ihnen gehe”. Die Japaner sind so hoeflich, dass es manchmal sogar unfreundlich ist, sich zu bedanken. Wird mir beispielsweise die Tuer aufgehalten oder ein Tee eingeschenkt, waere es relativ frech “arigatou”, also “Danke” zu sagen; anstatt dessen bedankt man sich mit “sumimasen”, also “Entschuldigung”. “Arigatou” impliziert in solchen Situationen, dass der Beguenstigte die Geste einfordert oder verdient hat und ist daher zu vermeiden.

Mein Lieblingsausdruck ist “asobu”. Dieses Wort, das sich ganz banal mit “spielen” uebersetzen laesst, impliziert so viel mehr als der Deutsche Ausdruck erahnen laesst. So gehen Japaner am Wochenende nicht tanzen, zum Karaoke oder in eine Bar: Japaner gehen spielen, egal wie alt sie auch sein moegen. Wenn man in Japan ein ganzes Wochenende lang gespielt hat, ist man nicht gleich spielsuechtig, sondern hat sich mit Freunden – wo auch immer – vermutlich praechtig amuesiert. Allein bei dem Gedanken, dass man in Japan bis spaet ins Erwachsenenalter hinein mit seinen Freunden spielen gehen kann, wird mir warm ums Herz.

Warum die Japaner ganz klar mehr Spass haben

Tuesday, August 22nd, 2006

Heute habe ich endlich ein Konto bei einer Japanischen Bank eroeffnet und bin nun fuer alle Unternehmungen gewappnet. In Japan zieht man sich keine Kontoauszuege wie in Deutschland, jeder Kunde, bei egal welcher Bank, bekommt ein kleines Buechlein, das er bei allen moeglichen Transaktionen in den Automaten einfuehrt und in welches die Bewegungen auf dem Konto gedruckt werden. Was nun wirklich praktisch ist, sieht auch noch toll aus! Meine Bank verwendet die Peanuts als Maskottchen, die sich dementsprechend auf saemtlichen Unterlagen, und somit auch auf meinem Sparbuechlein, wiederfinden. Da macht es doch gleich viel mehr Spass, zur Bank zu gehen.

Aehnliches laesst sich ueber meinen Stempel berichten. Jeder Japaner besitzt einen Stempel, den er fuer die Unterzeichnung jedweder Dokumente benoetigt; ohne einen solchen Stempel, aehnlich unserer Unterschrift, kann man in Japan so gut wie nichts erledigen. Mein Stempel ist ein huebsches Stueck Plastik in Mauve mit Bluemchen und wird in einem eigens dafuer vorgesehenen violetten Kaestchen mit intergriertem Mini-Stempelkissen aufbewahrt. Den Stempel hat meine Vorgesetzte bereits vor meiner Ankunft fuer mich anfertigen lassen – und zwar mit meinem Vornamen darauf… Es sollte einmal jemand in Deutschland versuchen, einen Telefonanschluss zu beantragen und mit seinem Vornamen zu unterzeichnen. Vermutlich hat sie es am bequemsten gefunden, einfach meinen Vornamen einarbeiten zu lassen. Ein ehemaliger Mitarbeiter aus Australien, der mit Nachnamen Barker hiess, erhielt zunaechst einen Stempel mit eben diesem Namen, der nur leider in Japanischer Umschrift dem Japanischen Ausdruck baka (Dummkopf oder Idiot) sehr nahe kommt, was bei den Japanern permanent fuer Erheiterung sorgte und woraufhin der Australier letzten Endes einen Stempel mit seinem Vornamen fabrizieren liess.

Ich weiss schon, weshalb ich keine Kosenamen mag: mein abgekuerzter Vorname bedeutet im Japanischen soviel wie Schlamm.