Archive for September, 2006

Ich will doch nur spielen

Thursday, September 21st, 2006

In Japan verwendet man fuer viele Situationen bestimmte Ausdruecke, die sich nur schwer uebersetzen lassen und die sich eher schlecht in den Deutschen Sprachgebrauch uebernehmen liessen. So sagt man, wenn man ein Buero oder aehnliches betritt, nicht wie in Deutschland “Guten Tag” sondern “shitsureishimasu”, was soviel bedeutet wie “Ich bereite Ihnen Unbehagen” oder ganz einfach “Verzeihen Sie bitte”; letzteres allerdings nur in dem oben genannten Zusammenhang. Verlaesst man den Raum wieder, verwendet man die Vergangenheitsform der Phrase.

Begibt man sich nach Feierabend auf den Heimweg, sagt man nicht “Auf Wiedersehen” oder “Bis Morgen” sondern bedankt sich in erster Linie fuer die getane Arbeit der Kollegen. Verlaesst man als erster das Buero, entschuldigt man sich fuer diese Unverschaemtheit mit den Worten “osaki ni shitsureishimasu”, in etwa “Verzeihen Sie bitte, dass ich vor Ihnen gehe”. Die Japaner sind so hoeflich, dass es manchmal sogar unfreundlich ist, sich zu bedanken. Wird mir beispielsweise die Tuer aufgehalten oder ein Tee eingeschenkt, waere es relativ frech “arigatou”, also “Danke” zu sagen; anstatt dessen bedankt man sich mit “sumimasen”, also “Entschuldigung”. “Arigatou” impliziert in solchen Situationen, dass der Beguenstigte die Geste einfordert oder verdient hat und ist daher zu vermeiden.

Mein Lieblingsausdruck ist “asobu”. Dieses Wort, das sich ganz banal mit “spielen” uebersetzen laesst, impliziert so viel mehr als der Deutsche Ausdruck erahnen laesst. So gehen Japaner am Wochenende nicht tanzen, zum Karaoke oder in eine Bar: Japaner gehen spielen, egal wie alt sie auch sein moegen. Wenn man in Japan ein ganzes Wochenende lang gespielt hat, ist man nicht gleich spielsuechtig, sondern hat sich mit Freunden – wo auch immer – vermutlich praechtig amuesiert. Allein bei dem Gedanken, dass man in Japan bis spaet ins Erwachsenenalter hinein mit seinen Freunden spielen gehen kann, wird mir warm ums Herz.

Schulunterricht

Thursday, September 21st, 2006

Wer kennt nicht eine der zahlreichen Reportagen ueber das Schulsystem in Japan? Uniformierte Kinder mit durch Stress verursachten Ausschlaegen auf den Extremitaeten, muede Gesichter, Suizide im Grundschulalter etc.

Seit Beginn der Woche begleite ich meinen Kollegen Eric zu seinem Englischunterricht an den Schulen der Umgebung und dolmetsche die Anweisungen der jeweiligen Klassenlehrer fuer ihn. Ich bin positiv ueberrascht, wie lebhaft der Unterricht in Japan (zumindest hier auf dem Land) abgehalten wird. Zwar stehen die Kinder jedesmal, wenn sie aufgerufen werden, auf, schieben ihren Stuhl an den Tisch, stellen sich dahinter und beantworten dann die Frage des Lehrers, um sich danach wieder zu setzen, was schon recht starr wirkt. Allerdings wird im Klassenraum viel gelacht, die Kinder und Teenager nehmen munter am Unterricht teil, und selbst die Lehrer flitzen in ihren weissen Turnschuhen (in Japans Schulen wechselt man sein Schuhwerk sobald man das Gebaeude betritt) durch den Klassenraum und tragen zur froehlichen Atmosphaere bei, ohne dabei ihre Autoritaet einzubuessen. Besonders auffaellig ist auch das sehr soziale Verhalten der Kinder untereinander; natuerlich gibt es hier wie auch in Deutschland Stereotypen wie Klassenkasper und Aussenseiter. Jedoch habe ich das Gefuehl, dass die Schueler zumindest waehrend des Unterrichts alle an einem Strang ziehen: Die Schueler merken sich, wer schon einmal an der Reihe gewesen ist und achten penibel darauf, dass es gerecht zugeht. Als weitere schoene Besonderheit empfinde ich den gemeinsamen Beginn des Unterrichts: Die Kinder setzen sich auf ihre Stuehle, ein zuvor ernannter Schueler ruft den Unterrichtsbeginn aus. Das klingt in etwa so: “Aufrecht sitzen! Lasst uns die x-te Unterrichtsstunde beginnen”. Woraufhin dann alle Schueler im Chor “Lasst uns beginnen” rufen. Auf die gleiche Art und Weise wird jede einzelne Stunde beendet. Die Prozedur scheint zumindest der Konzentration zutraeglich zu sein und foerdert meines Erachtens das Gefuehl der Zusammengehoerigkeit – da lernt es sich doch gleich viel besser.

Zusatz zum kollektiven Aufstehen

Thursday, September 14th, 2006

Gestern Abend fand der erste Englisch-Konversationsunterricht statt, den mein Kollege Eric aus Kanada von nun an fuer die naechsten drei Monate leiten wird und zu welchem ich ihn zur mentalen Unterstuetzung begleitet habe – der Gute spricht kaum ein Wort Japanisch und wir waren uns nicht sicher, wie fortgeschritten das Englisch der erwachsenen Rokkashoer ist. Es stellte sich heraus, dass die Kursteilnehmer offenbar eifrige Lerner und durchaus dazu in der Lage sind, ihre eigenen Gedanken auf Englisch zu aeussern. Im Verlauf des Kurses sprachen wir unter anderem auch ueber Eigenheiten Rokkashos, da lag es nicht fern, dass wir die Teilnehmer auch nach der im Dorf taeglich eingespielten Musik befragten. Eine der Japanerinnen, die ihr Englisch mit Hilfe des staatlichen Japanischen Fernsehsenders NHK erlernt hat, konnte unsere Verwunderung darueber nicht nachvollziehen; sie war fest davon ueberzeugt, dass das voellig normal sei – in ganz Japan. Als wir sie darueber aufklaerten, dass es in groesseren Staedten keine Weckmusik gebe, eine Teilnehmerin kommt aus Tokyo, eine andere immerhin aus der Praefekturhauptstadt Aomori City, lachte die Dame ob ihrer eigenen Naivitaet Traenen: Die Japanerin ist 52 Jahre alt, wurde bereits in Rokkasho geboren und ist noch niemals verreist – und sie steht tatsaechlich jeden Morgen um sechs Uhr auf.

Vom kollektiven Aufstehen

Wednesday, September 6th, 2006

Was in Deutschland schon zu heftigen Protesten und Rechtsstreits geführt hätte, wird auf dem Land in Japan widerstandslos akzeptiert: Täglich erschallt zu derselben Uhrzeit Musik im gesamten Dorf. Unsereinem werden in deutschen Großstädten bisweilen sogar schon die Klänge der örtlichen Kirchenglocken verweigert.
Die Einwohner Rokkasho-muras werden morgendlich um 06:00 Uhr mit „Greensleeves To A Ground“ geweckt, die Mittagspause wird mit „Für Elise“ eingeleitet, das Mittagspausenende sowie der Feierabend werden akustisch mit einem Glockenspiel angekündigt, jeden Abend erklingt um 20:00 Uhr ebenfalls eine Melodie.
Bei der Durchreise durch ein Dorf nördlich von Rokkasho-mura wurde pünktlich um 18.00 Uhr „Moon River“ eingespielt. Jeder Ort hat offenbar seine eigenen Melodien.
Ich bin gespannt, ob mich die musikalischen Einlagen auf Dauer eher nerven, oder ob ich beginne, sie zu ignorieren. Bisher ist es mir in der Frühe leider, mit Ausnahme der ersten Nacht, noch nicht gelungen,  „Greensleeves To A Ground“ auszublenden. Offenbar gewöhnt man sich aber sehr schnell an die gemeinsam startenden Aktivitäten; so bin ich nach der Umstellung der Arbeitszeit von 17:00 Uhr auf 17:15 Uhr (die Mittagspause dauert nun eine Viertelstunde länger) bereits verwirrt, wenn der Feierabend um 17:00 Uhr eingeläutet wird, sich jedoch niemand nach Hause begibt. Heute Morgen bin ich panisch aus dem Bett geschreckt, nachdem ich noch einmal eingeschlafen war; mein Wecker hatte noch gar nicht geklingelt, aber offenbar ist es den Japanern gelungen, mir mittels einer volkstümlichen Englischen Weise via knarzender Lautsprecher ein schlechtes Gewissen zu machen.

 

 

 

Von stinkenden Bodenbelägen und anderen Gerüchen

Tuesday, September 5th, 2006

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Boden einer Wohnung zu gestalten. Es gibt Teppichböden, Parkettböden, Laminatböden in diversen Formen und Farben. Manch einer bevorzugt pflegeleichten und dazu kostengünstigen PVC-Belag. In meiner japanischen 3-Zimmer-Wohnung sind die Küche, die Toilette und der Waschraum mit einem Holzboden ausgestattet, der allerdings nach Kunststoff aussieht; die Böden der drei Zimmer sind mit Tatami ausgelegt. Als ich erfuhr, dass meine Wohnung traditionell eingerichtet sei, freute ich mich voreilig. Tatami sind zwar schön anzuschauen und vielleicht auch fußwarm im Winter, Gegenteiliges kann ich in ein paar Monaten berichten, aber irgendwie eklig. Die mit drei bis vier Zentimetern doch recht dicken Matten werden, soweit ich weiß, aus einem Binsengeflecht und Reisstroh hergestellt, die einzelnen Stränge sind millimetergenau miteinander verwoben. Was so hübsch klingt, ist leider nicht wirklich hygienisch: jeder Tropfen Flüssigkeit versickert auf Nimmerwiedersehen im Boden. Leider nicht auf Nimmerwiederriechen. Meine gesamte Wohnung müffelt, als hätte jemand einen verwesenden Greis über Monate hinweg geduldig in den Fußboden einmassiert. Dabei ist das größtenteils der Eigengeruch, der von den Matten ausgeht!

Seit vier Wochen habe ich nun rund um die Uhr Fenster und Balkontüren weit geöffnet, trotzdem will der Geruch nicht weichen ­­­– was sich auch einfach schwierig gestaltet bei nahezu konstanten neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Da verwundert die riesige Auswahl an Zimmerdüften und Geruchskillern in sämtlichen Einkaufseinrichtungen nur wenig. Mein Vormieter hat mir vorsorglich mehrere Flaschen „Fabriis“, ein ähnlich lautendes Produkt findet sich auch in deutschen Regalen, hinterlassen. Ich hoffe nun inständig, dass mein eigener Geruch noch vor Wintereinbruch die Oberhand gewinnen wird, wobei ich wahrscheinlich auch dann noch stundenlang lüften kann, da ich keine Heizung in meiner Wohnung habe und die Außentemperatur nur unwesentlich geringer ausfallen wird als die Zimmertemperatur; vor Rohrbrüchen im heimischen Badezimmer bin ich bereits gewarnt worden.

Neben der Tatsache, dass Tatami nicht gerade geruchsarm sind, verunsichert mich, dass es so zahlreiche antibakterielle und Anti-Milben-Reinigungsmittel für besagten Bodenbelag gibt.

Mein Beileid dem, der lediglich auf kardätschter Baumwolle auf dem Fußboden schlafen muss – ich besitze ein Bett und kann ein paar Zentimeter frischere Luft atmen.

Vor wenigen Jahren noch gab es in ganz Japan so gut wie kein Deodorant zu kaufen. In meinem japanischen Bekanntenkreis kenne ich auch niemanden, der Deodorant benutzt, trotzdem setzt sich der Trend für den Achselduft stetig durch, es gibt mittlerweile zahlreiche Firmen, die Deos produzieren und noch zahlreichere Erzeugnisse zu erstehen, darunter auch in Deutschland bekannte und beliebte Marken; allerdings variieren die Duftrichtungen doch sehr stark, sie sind offenbar dem jeweiligen Markt angepasst. Der Kauf einer hier vor Ort verhältnismäßig teuren Seife, die ich in Deutschland bevorzuge, lieferte den Beweis.

Ein Deodorant einer namhaften Firma, das in Deutschland noch nicht käuflich zu erwerben ist, gibt es in besonders interessanten Duftrichtungen, u. a. Grapefruit und Seife… Wer einmal an einer Grapefruit gerochen hat, wird sich wie ich fragen, inwiefern es erstrebenswert sein kann, diesen beißenden bittersüßen Duft mit Schweiß­geruch zu kombinieren. Das Seife-Deo, das mir als am harmlosesten erschien, riecht genau nach dem, was darauf steht: nach Seife. Allerdings nicht, als hätte man sich gerade gewaschen, sondern als hätte man sich einen ganzen Keil Seife unter jede Achsel geklemmt. Vielleicht sollte ich mich beim nächsten Einkauf an die duftfreie Version halten.