Archive for December, 2006

Es gibt kein Entrinnen

Saturday, December 23rd, 2006

Weihnachten in Japan ist ganz besonderer Art: Es gibt keinerlei weihnachtliche Tradition, da der Anteil der christlichen Japaner äußerst gering ausfällt. Trotzdem ist Weihnachten populär. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Weihnachten zumeist mit der Familie gefeiert wird, ist Weihnachten in Japan ein Fest für Pärchen. Ähnlich dem Valentinstag gehen Verliebte essen, machen sich Geschenke und feiern sich selbst.

Noch etwas ist anders in Japan: An jeder Ecke kann man Weihnachtstorten käuflich erwerben und auch schon Wochen im Voraus vorbestellen. Während ich diesen Text schreibe, läuft im Fernsehen eine Sondersendung zu Weihnachtstorten mit Weihnachtstortenranking. Die Torten sind meist schneeweiße Sahnetorten mit weihnachtlicher Dekoration; woher diese sogenannte Tradition kommt, weiß allerdings keiner so recht zu beantworten. Genauso wenig konnte mir beantwortet werden, weshalb die Japaner zu Weihnachten Beethovens 9. singen. In den Augen der Japaner sitzen wir also in Deutschland unterm Tannenbaum, essen Sahnetorten mit Schokoladenrentieren und grölen “Freude schöner Götterfunken…”.

Das alles wäre noch zu ertragen. Aber als die Weihnachtssaison Anfang November begann, traute ich meinen Ohren nicht: Drei Mal dürft Ihr raten, welches Weihnachtslied hier populär ist und nicht nur rund um die Uhr im Radio, in sämtlichen Einkaufszentren und Supermärkten gespielt wird sondern von welchem es mittlerweile auch noch etliche Coverversionen mit Japanischem Akzent auf Englisch nachgesungen gibt. Ich dachte, ich würde dieses Jahr von Wham! verschont bleiben; weit gefehlt. Das Haarspray getunte “Last Christmas” ist in Japan fast noch beliebter als in Deutschland.

Frohes Fest Euch allen!

Der Helm

Thursday, December 14th, 2006

Der Japaner an sich ist vorsichtig. Eines der Wörter, die man täglich mehrfach hört, ist das Wort “abunai”, also “gefährlich”. In Japan ist sehr viel gefährlich: Rolltreppen, Heizungen, der Gang zum Supermarkt, ein Spaziergang am Meer, Wintersport im Allgemeinen und vor allen Dingen auch das Autofahren. Dass die Straßen in Japan bei Eisglätte trotzdem nicht gestreut werden, da das Streugut den fahrbaren Untersatz angreifen könnte, sei hier nur am Rande bemerkt.

Dementsprechend ist der Helm in Japan ein unerlässliches Accessoire. Jedes arbeitende Mitglied der Gesellschaft hat mit Sicherheit mindestens einmal einen Helm aufgesetzt. Wohin man auch sieht, Helme werden überall getragen, zu allen Gelegenheiten. Bereits vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass unter anderem Polizisten und Sanitäter ebenfalls Helme tragen, und zwar im Auto. Während also ein Polizei- oder Krankenwagen mit Blaulicht und Sirenen und rasanten 15 km/h an einem vorbei saust, kann man in aller Ruhe die Insassen und deren Kopfbedeckung bewundern. Besonders wichtig ist natürlich, dass der Helm mit einem Kinngurt am Kopf fixiert wird. Für den Fall, dass man sich verbeugt, und das geschieht schließlich hundertfach an einem Tag, muss der Helm sitzen. Die Helmträger sehen dabei so niedlich in ihren Wagen aus, dass man meinen könnte, man sei plötzlich geschrumpft und finde sich in einer Playmobil- oder Legowelt wieder. Ob die Frisur darunter wohl auch in Playmobilmanier halbiert ist?

Selbst die Polizisten und Straßenarbeiter auf Schildern tragen Helme in Japan. Ich glaube, ich werde demnächst einige Statistiken zu Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen in Japan studieren; vielleicht fallen diese ja im internationalen Vergleich entsprechend gering aus. Und ich persönlich habe mir schon diverse Male beim Ein- und Aussteigen den Kopf am (Japanischen) Autodach und am Türrahmen gestoßen — ich sollte mir einen Helm zulegen. Dann fürchte ich auch den täglichen Eiertanz auf dem Glatteis von meinem Haus zum Auto und vom Parkplatz zum Bürogebäude nicht mehr so sehr. Helme gibt es sicherlich passend zu meinen Gummistiefeln in Rot.

Es hat begonnen…

Sunday, December 3rd, 2006

Bevor ich im August nach Aomori-ken gezogen bin, habe ich schon viel über die harten Winter in der Region gehört. Und bereits im August haben meine Kollegen und Vorgesetzten mich vor Autofahrten im Schnee gewarnt.

Einige Dinge habe ich heute morgen, nachdem es die ganze Nacht über geschneit hat, gelernt: Kerosinofen an, Zimmer warm — Kerosinofen aus, Zimmer kalt. An eine geheizte Wohnung kann ich schon nicht einmal mehr denken, das ist ein schier unmögliches Unterfangen. Wer auftauen will, muss sich von Dezember bis schätzungsweise April auf ein Zimmer beschränken. Und sich mit jeder Menge warmer Anziehsachen für Daheim ausstatten. Heute habe ich mir ein paar rongu naga bûtsu, sprich Gummistiefel, zugelegt. Was ich bisher zugegebenermaßen lächerlich fand, ist hier ein echtes Muss. Wer keine Gummistiefel tragen will, hat eben nasse Füße, was ich am frühen Morgen nach rund 30 Minuten Schneeschaufeln auf dem und um das Auto herum am eigenen Leib bzw. an den Füßen erfahren durfte. Ab morgen erscheine ich also im Kostüm und mit roten Gummistiefeln im Büro — soll mir Recht sein, den Style habe ich mir von den Einheimischen abgeguckt. Weitere Novitäten erwarten mich ab morgen: Wasserrohre vollständig entleeren lernen (in einem Haus ohne jegliche Isolation frieren auch die Rohre IN der Wohnung ein, während man beispielsweise schläft oder ein paar Stunden im Büro verbringt) und einen Schneeschaufelplan mit den Nachbarn erarbeiten.
Auch das Wäschewaschen wird sich von nun an kreativer gestalten, wobei ich mit dem Gefriertrocknen von Bettwäsche und Handtüchern auf dem Balkon bereits gute Erfahrungen gemacht habe: 24 Stunden warten, Schnee abklopfen — Wäsche trocken. Wäscheständer, wie wir sie aus der Heimat kennen, gibt es in Japan nämlich nicht.

Morgen werde ich nach der Arbeit in das nächste Einkaufszentrum eilen und mich mit wärmenden Accessoires eindecken; ich liebäugele nun auch mit einer beheizbaren Klobrille…