Archive for March, 2007

Der Alphabet-Knopf

Friday, March 9th, 2007

Das vergangene Wochenende habe ich mit einigen Freundinnen in der nächstgrößeren Stadt verbracht. Bevor unser Frauenabend mit einem opulenten, ausnahmsweise einmal spanischen Mahl beginnen sollte, fuhren wir gemeinsam in ein Onsen. Wie so oft wurde ich — als einzige Kaukasierin im Bad — neugierig beäugt, woran ich mich allerdings schon gewöhnt habe. Für den Fall, dass mich mein Gegenüber allzu unverfroren anstarrt, habe ich mir mittlerweile angewöhnt, einfach zurück zu starren. Natürlich kann ich die allgemeine Neugier durchaus nachvollziehen; ich kann die Fragen, die sich die japanischen Damen stellen, nahezu von ihren Stirnen ablesen. In etwa: “Mal sehen, ob sich die Ausländerin auch die Füße wäscht” oder “Ob sie sich das Gesicht wohl anders eincremt?” Bei meiner Fönperformance nach dem Baden habe ich mir besonders große Mühe gegeben, ich weiß inzwischen auch zu unterhalten.

Etwas anderes ist mir beim letzten Onsenbesuch aufgefallen. Bisher habe ich schon desöfteren bemerkt, dass japanische Kinder sowohl im Supermarkt als auch auf der Straße gerne den Alphabet-Song singen. Am vergangenen Samstag wurde mir auf einmal bewusst, dass diese Vorliebe mit mir zu tun haben muss: Eines der badenden Kinder sah mich erschreckt an und begann aus heiterem Himmel, eben genannten Titel zu singen.

Nach kurzem Reflektieren war mir klar: Dieses Verhalten habe ich dem JET-Programm zu verdanken. Mein Kollege Eric beispielsweise arbeitet als sogenannter One-shot-ALT. Er ist der Englischlehrer von sage und schreibe zehn Schulen. Dass sich auf diese Weise keine wöchentlichen oder gar täglichen Unterrichtsstunden planen lassen, versteht sich von selbst. So kommt es, dass er die eine oder andere Schule nur einmal im Monat besuchen kann; seine Aufgabe besteht neben anderen vor allem darin, den Schülern die richtige Aussprache von englischen Wörtern näher zu bringen. In den Klassen der Grundschulen singt er daher, mangels größerer Vokabelkenntnisse der jüngeren Kinder und natürlich auch zur Wiederholung des zuletzt Gelernten, häufig den Alphabet-Song. Das JET-Programm ist recht groß und US-amerikanische One-shot-ALTs auf dem Land dementsprechend oft anzutreffen. Der einzige Ausländer, den die Kinder folglich alle paar Wochen zu Gesicht bekommen, singt bei jedem Besuch das Alphabet-Lied — dies brennt sich in den Kinderhirnen ein. Sehen die Kinder nun das nächste Mal einen Ausländer — alle Ausländer sind natürlich Amerikaner — betätigt die Sichtung dieser offenbar irgendeinen Schalter für englische Konversation im Kinderhirn. Und da noch nicht viel Konversationsmaterial vorhanden ist, wird eben der Alphabet-Song abgespielt.

In solchen Momenten versuche ich zur Internationalisierung beizutragen, lächle verkrampft und winke. Vermutlich brennt sich auch das den Kindergedächtnissen ein.