Blümlein: zugedeckt

Nachdem der Winter nach dem ersten Schnee im November auf sich hat warten lassen, bin ich gestern Abend in meinen ersten waschechten Schneesturm geraten. Nach dem Sport in unserer örtlichen Turnhalle, unserem “Gym”, mache ich mich in meinem Wagen auf den Weg zum Onsen, wo ich mit einer Freundin zum Dümpeln im heißen Wasser verabredet bin. Als ich mein Auto starte, beginnt es zu blitzen, nur etwa drei Minuten später finde ich mich in einem Wirbel aus dicken Schneeflocken wieder. Nichts Böses ahnend führe ich meinen Weg zum Onsen mit entsprechend gedrosselter Geschwindigkeit fort — ich kenne den Weg; im Prinzip muss ich nur ein paar Kilometer geradeaus fahren und beim orangefarbenen Onsen-Schild abbiegen. Nach rund acht Kilometern werde ich skeptisch: Weit und breit ist kein Onsen-Schild in Sicht und die Straße, auf der ich mich befinde, erscheint mir unbekannt, was aber nichts heißen muss, da ich ohnehin nichts mehr sehen kann. Ich beschließe trotzdem, zu wenden und zur nächsten größeren Kreuzung zurück zu fahren. Die Straßenschilder sind nunmehr dicke weiße, zweibeinige Monster, die keinerlei Informationen mehr hergeben. In der Nähe erkenne ich unseren Convenience Store ohne Namen und steuere darauf zu, um mich, dort angekommen, auf dem Parkplatz zu orientieren. Ich kann mich immerhin vage an den Heimweg erinnern, weshalb ich meinen Plan, zum Onsen zu fahren, mangels Kenntnis des Wegs dorthin und allmählich schwindender Badezeit kurzerhand aufgebe. Mittlerweile habe ich kein Mobilfunknetz mehr, aber immerhin einen halb gefüllten Tank. Auf den nun folgenden zehn Kilometern Rückweg versuche ich hauptsächlich, auf der Fahrbahn zu bleiben, was sich diffiziler gestaltet, als es zunächst klingt, und zwar aus folgenden Gründen:

1) eine zweispurige Straße (eine Spur pro Fahrtrichtung) in Tôhoku entspricht in etwa der Breite einer Deutschen Einbahnstraße
2) es gibt keine Straßenbeleuchtung
3) bei 10 cm Neuschnee pro Sekunde gibt es keine sichtbaren Spurrillen
4) außer einer weißen Schneewand kann ich nichts mehr sehen, ich könnte genauso gut einfach mit geschlossenen Augen weiter fahren.

Ich taste mich im Schneckentempo Meter für Meter vorwärts und versuche vor allem auch, nicht in die sich neben der Fahrbahn befindenden 30 cm breiten und 50 cm tiefen Gräben zu geraten, deren Funktion sich niemandem so recht erschließt und die wir aus diesem Grund “gaijin traps” nennen, zu Deutsch “Ausländerfallen”.

Das wohlige Gefühl der Erleichterung macht sich breit, als ich mich gute 30 Minuten später meinem Wohnhaus nähere. Auf dem Parkplatz treffe ich meine Freundin, die mindestens genauso erschreckt aussieht wie ich mich fühle.

Ein Gutes hat der Schnee aber doch: Ab heute geht es auf die Piste!

One Response to “Blümlein: zugedeckt”

  1. m Says:

    Toll! Blair Whitch Project in Weiss. Wenigstens einer hier elebt “richtige” Abendteuer.

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